15.06.2018 | Kategorien TEC News

11 an der Zahl bringen Bewegung für Menschen mit Behinderung

Maschinenbau-Studierende der Hochschule Reutlingen entwickeln integrierbaren Bewegungstrainer für Rollstuhl

Kooperation zwischen Hochschule und Wirtschaft - Maschinenbau-Studierende der Hochschule Reutlingen entwickeln Bewegungstrainer im Rollstuhl für medica Medizintechnik GmbH. Foto: tec/pr-krk

Von: tec/pr-krk, Kerstin R. Kindermann

Es geht nicht um Fußball und nicht um die Fußball-Elf, sondern um 11 studentische Projektteams des Bachelor-Studiengangs Maschinenbau der Hochschule Reutlingen. Sie haben in hunderten Stunden ein Bewegungstrainingssystem für die Beine entwickelt, das direkt in den Rollstuhl integriert ist und den betroffenen Personen jederzeit, an jedem Ort zum Training zur Verfügung steht. Für Millionen Menschen mit Behinderung und Bewegungseinschränkungen könnte sich die medizinische Rehabilitation dadurch positiv verändern.

Die Idee und den Auftrag zur Arbeit lieferte Professor Dr. Sven Steddin, vom Studiengang Medizinisch-Technische Informatik. Um aus der Idee einen Prototypen zu erstellen, sind geeignete Konstruktionsunterlagen erforderlich. Also braucht es Ingenieur-Knowhow. Das gibt es an der Fakultät Technik. Unter der Leitung der Professoren Dr.-Ing. Steffen Ritter und Dr.-Ing. Paul Wyndorps lautet die Aufgabe an die Maschinenbau-Bachelor, ein Konzept für ein Trainingsgerät zu entwickeln, das als Nachrüstsatz oder direkt bei der Herstellung in marktübliche Rollstühle integriert werden kann. Projektpartner ist die medica Medizintechnik GmbH, spezialisiert auf gerätegestützte Behandlungskonzepte für alle Phasen der neurologischen und geriatrischen Rehabilitation.

Vor 15 Jahren hat Wyndorps das erfolgreiche Lehrformat der industriellen Projektarbeit entwickelt: „Kurz vor Abschluss des Studiums müssen die Studierenden ihre erlernten Fähigkeiten unter Beweis stellen. In kleinen Projektteams bearbeiten sie Neuerungen für reale Fragestellungen aus regionalen Unternehmen. Das macht praxisorientierte Lehre aus. Über den Tellerrand blicken, gemeinsam an Zielen arbeiten und praktische,, sinnvolle Innovationen mit echtem Nutzen entwickeln“, ist Professor Paul Wyndorps überzeugt: Die Studierenden werden im Sinne einer zeitgemäßen Ingenieurausbildung auf ihren Berufsalltag vorbereitet. „Die Erfolge zeigen uns die Wichtigkeit dieses speziellen Unterrichtsformats“, so Professor Steffen Ritter. „In direkter Kooperation mit der Industrie werden reale Projekte in kleinen Gruppen bearbeitet und dem Projektpartner präsentiert. Während des gesamten Entstehungsprozesses gibt es von uns und dem Projektpartner konstruktive Kritik und Ratschläge zur Weiterentwicklung der Produktideen.“

Studentin Janina Bauer findet es spannend, „trotz der mangelnden Erfahrung im Medizinbereich - ein Produkt zu entwickeln, das in ein paar Jahren realistisch zum Einsatz kommen könnte. Es gibt viele Menschen, die im Rollstuhl sitzen und denen wir helfen können. Man lernt ganz neue Denkweisen und in der Gruppe mit unterschiedlichen Charakteren zielorientiert zu arbeiten.“

Praktische Unterstützung gibt es von Nicolas Menschenmoser. Durch einen Unfall sitzt er seit 12 Jahren im Rollstuhl. „Ich konnte viele Hinweise geben, wie es ist, wenn man sich eingeschränkt oder gar nicht mehr bewegen kann. Es geht nicht nur darum, seine Beine oder andere Körperteile nicht mehr frei bewegen zu können. Um körperlich und geistig aktiv zu bleiben und einem Bewegungsmangel entgegenzuwirken, muss der Körper in Schwung gebracht werden. Orts- und der Positionswechsel stellen für Rollstuhlfahrer Hürden dar und verringern die Möglichkeiten und die Motivation zu trainieren. Dieser am Rollstuhl integrierbare Bewegungstrainer ist echt eine Revolution“, freut sich Menschenmoser.

Zirka elf Wochen arbeiten die Dreier- und Vierer-Teams intensiv an der Entwicklung ihrer Konstruktion. Anfang Juni wurden die Ergebnisse beim Partnerunternehmen in Hochdorf vorgestellt. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche technische Lösungen des Rollstuhltrainers. Es werden nicht nur Noten verteilt, vom Projektpartner und den Professoren gibt es offenes und konstruktives Feedback. Otto Höbel, technischer Geschäftsführer von medica, ist beeindruckt: „Es gab bereits Ansätze, Trainingsgeräte in Rollstühle zu integrieren. Diese schränkten den Nutzerkreis, die Antriebsart des Rollstuhls oder den Zeitpunkt der Nutzung aber sehr stark ein. Wir sind begeistert von den Möglichkeiten, die uns die Projektteams sehr professionell präsentiert haben“, so Höbel. Es entstanden nicht nur Vorschläge zur Umsetzung des bereits von der Hochschule angemeldeten Patents, sondern weitere Ideen zu Trainingssystemen, die noch zusätzliche therapeutische Maßnahmen ermöglichen.

Nach der Bewertung der Konstruktionsvorschläge ist der nächste Schritt, die besten Ideen in einem Prototyp zu vereinigen und diesen umzusetzen. Da die Hochschulen nicht vorrangig darauf ausgerichtet sind, Produktentwicklungen durchzuführen, sind nun Interessenten gesucht, die zusammen mit der Hochschule und dem bisherigen Projektpartner bereit sind, die Entwicklung weiter voran zu treiben. Diesen Ansatz „von der Idee zum Produkt“ verfolgt Steddin, der vor seiner Berufung an die Hochschule Entwicklungsleiter im medizinisch-technischen Bereich war. Es gilt also möglichst viele Interessenten und Partner zu finden, die an der Weiterentwicklung und Erprobung des Systems Interesse haben. Schließlich soll das Produkt möglichst bald den Betroffenen zur Verfügung stehen; bei weltweit Millionen von Rollstuhlfahrerinnen und –fahrern ein in mehrfacher Hinsicht lohnenswertes Vorhaben.