08.10.2018 | Kategorien TEC News

Wirtschaftsingenieure lassen Professor „fliegen“ - Weltweit einmalig!

Von: tec/pr-krk, Kerstin R. Kindermann

Es war einmal. Die schwäbische Idee ein Flugzeug zu bauen. Am Fuße der schwäbischen Alb auf dem idyllischen Hochschulcampus. Mit Studentinnen und Studenten, die International Project Engineering studieren. Der Startschuss fiel im WS 2012. Und am Samstag, 6. Oktober 2018 war es endlich soweit – das Geheimnis wurde wortwörtlich ge“lüftet“. Mit viel Prominenz, Schaulustigen und den Projektbeteiligten wurde die „Vans Aircraft RV-12“, die einst aus 36.000 Einzelteilen bestand, auf den Namen „Ingenious Performance“ getauft und vom Studiengangsleiter, Prof. Dr.-Ing. Jochen Brune fliegerisch mit einem perfekten Live-Start und Flug in Szene gesetzt. 

Bis es so weit war, dass das zweisitzige Motorflug, das weltweit das erste Flugzeug ist, das in einer regulären Lehrveranstaltung realisiert wurde, zum Abheben bereit war, waren 20.000 Arbeitsstunden notwendig. Regelmäßig wurde das Projekt vom Luftfahrt-Bundesamt (LBA) überwacht, um höchstmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Im Oktober 2012 wurde der Bausatz an der Hochschule Reutlingen angeliefert. Seitdem gibt es dort in der Maschinenhalle einen offiziellen vom LBA abgenommenen Hangar, in dem die Studierenden im 6. Semester an diesem herausfordernden Projekt die Gelegenheit haben, nahezu alle praktischen und theoretischen Disziplinen ihres Studiengangs aufzubauen. Hierzu zählen Maschinenbau, Motorentechnik, Metallverarbeitung, Elektrotechnik, Informatik, rechtliche Fragestellungen, wie komplexe Zulassungsverfahren und natürlich Projektmanagement. Und zwar in einem professionellen Projektmanagement-Prozess, der industriellen Maßstäben entspricht.

Wie kommt nun eine Hochschule dazu, dass Studierende in einem Studiengang Studierende ein Flugzeug bauen, das am Ende auch noch vom Professor geflogen wird: Projekte hat der Studiengang als neue Herausforderung erkannt: Rund ein Drittel des Welt-Bruttoinlandsprodukts wird in internationalen Projekten geschaffen. Auf diesen speziellen Fachkräftebedarf hin wurde der Studiengang International Project Engineering an der Hochschule Reutlingen konzipiert. Seither werden im Durchschnitt 36 Studierende pro Semester zugelassen. Im aktuellen Wintersemester 2018/19 wurde die Zahl fast verdoppelt. Was nicht zuletzt daran liegen könnte, dass der Wirtschaftsingenieur-Studiengang „International Project Engineering“ der Hochschule Reutlingen im CHE-Ranking 2017 Spitzenplatzierungen in allen erhobenen Einzelkategorien belegte. Das gelang auch noch keinem anderen Wirtschaftsingenieur-Studiengang an einer deutschen Hochschule oder Universität. Was den Studiengang so attraktiv macht, fasst Tim Reupke, Teamleiter vom IP-Plane Sommersemester 2018/19 zusammen: „Es ist die internationale Ausrichtung mit Projektorientierung, die Praxisnähe, kleine Gruppen und ein hohes Engagement von Dozenten und Studierenden. Wir werden optimal auf internationale Projekte vorbereitet. Auf unserem Stundenplan stehen ingenieurwissenschaftliche Inhalte, Betriebswirtschaftslehre und Projektmanagement. Rund die Hälfte der Fachveranstaltungen findet in englischer Sprache statt.“ Ein Auslandspraktikum ist Pflicht, davon sind vor allem die Studentinnen begeistert wie Jessica Klein, die ein bisschen stolz ist, dass der Ingenieurs-Studiengang bei jungen Frauen sehr beliebt ist: Mit mehr als 30 Prozent Frauenanteil bricht der Studiengang Rekorde. Und das obwohl die Studierenden nicht geschont werden. Sie erleben alles, was praktische Projekte ausmacht: Konflikte und Probleme genauso wie riesige Freude über das Erreichte und Spaß am Erfolg.

„Um zwei Beispiele zu erwähnen. Im Sommersemester 2017 stand der erste Motorlauf auf dem Programm. Alles war fertig, alles war geprüft und für richtig befunden worden. Und trotzdem: Leider konnte der Anlasser den Motor nicht einmal durchdrehen. Was war los? Tagelange Fehlersuche und Recherche brachten nichts. Hier half unser tragfähiges Netzwerk aus Amateurflugzeugbauern mit einem Tipp: auf dem Kollektor des Anlassers hatte sich eine Zunderschicht gebildet. Nachdem die Studierenden den Anlasser ausgebaut, zerlegt und gereinigt hatten, was einige Stunden erforderte, lief der Motor dann einwandfrei an. Fazit: ask the experts, but never give up! “, fasst Professor Brune das Teamwork zusammen.  

„Viel Nerven kostete unsere Kommilitonen auch im Wintersemester 2017/18 die Motortests. Leider mussten sie feststellen, dass das Kühlwasser in kurzer Zeit zu kochen begann. Ein Student, der bereits eine Berufsausbildung als Heizungsbauer vorweisen konnte, kam auf die Lösung: eines der früheren Semester hatte das ganze Kühlsystem professionell eingebaut und befüllt, leider aber vergessen, die Transportstopfen aus dem Kühler zu entfernen. Das ist von außen natürlich nicht zu sehen. Durch eine systematische Fehlersuche, die Bestandteil unserer Qualitätsmanagement-Methoden ist, gelang ihm die Problemlösung dann überraschend schnell“, so Pascal Schmidt der damalige studentische Projektleiter.  

Nun sind aber alle großen Probleme bewältigt und seit dem Erstflug am 26. März 2018 sieht die Bilanz wie folgt aus: unter Beteiligung der Studierenden wurden bisher zirka 12 Flugstunden geflogen, einige Korrekturen wurden eingebaut, die Instrumente kalibriert und Messungen der Flugleistungen durchgeführt. „Das Ergebnis: Der Flieger fliegt einfach hervorragend und gerade aus, das Handling ist perfekt, was ein Beleg für die hervorragende Arbeit aller Studierenden ist,“ freut sich der Professor, denn das sei nicht selbstverständlich. Die Leistung eines Teams führt zum gemeinsamen Projekterfolg. Initiator des Flugzeug-Projekts ist Professor Dr.-Ing. Jochen Brune. Der Professor und Studiengangsleiter ist selbst begeisterter Pilot und vermittelt den Studierenden mit dem Flugzeugbau vor allem praktische Erfahrung im Projektmanagement. „Das Flugzeug ist ein ausgesprochen anspruchsvolles Projekt, das nach industriellen Maßstäben durchgeführt wird“, erklärt Brune. „Wir profitieren von der leistungsstarken Fakultät Technik mit ihren zahlreichen, hervorragend ausgestatteten Laboren“, nennt er einen Erfolgsfaktor. Ein anderer seien die engen Industriekontakte, die die Professoren aus ihrer Zeit in der Industrie pflegen und im Industriebeirat der Fakultät zur ständigen Weiterentwicklung der Lehrinhalte institutionalisiert haben. Doch entscheidend für eine gute Lehre ist für ihn „die Kultur des Engagements“. Diese ist geprägt von motivierten und engagierten Dozenten und Studierenden, die in kleinen Gruppen lernen, gemeinsam Projekte gestalten und einen guten persönlichen Kontakt untereinander haben.

Das Projekt wird gemäß eines professionellen Projektmanagement-Prozesses durchgeführt, der industriellen Maßstäben entspricht. Alle wichtigen Projektrollen, wie z. B. Projektleiter, Qualitäts- oder Marketingmanager, sind im Projekt vorhanden und werden von den Studierenden selbst verantwortet. Während des Projektablaufs sind sie unter anderem für eine professionelle Projekt-Berichterstattung, Meilenstein-Reviews, Dokumentation und Risikomanagement verantwortlich, so dass alle die praktische Projektarbeit hautnah erleben. Die IP-Studierenden brauchen technisches Fachwissen, angewandtes Projektmanagement und natürlich Engagement und Begeisterung. So werden Allrounder ausgebildet, die sich später als Wirtschaftsingenieure mit Betriebsabläufen und Theorien zwischen verschiedenen wirtschafts-ingenieur- und rechtswissenschaftlichen Disziplinen befassen und Schnittstellen zwischen betriebswirtschaftlicher Planung und technischer Implementierung besetzen. Wie sieht also das sechste Semester bei den IP-Studierenden an der Hochschule aus: Im Rahmen des Projektmanagement Seminars im sechsten Semester haben 160 Studierende in wechselnden Teams in den vergangen sechs Jahren die RV-12 gebaut. Und das Nachfolgeprojekt steht schon im Hangar und ist ein Doppeldecker „Pitts Model 12“ – dieses Mal aus Holz und größer, komplexer und herausfordernder und mit einem Sternmotor.  

Das sind Projekte, durch die die angehenden Ingenieure nicht nur im Projektmanagement Routine gewinnen. „Neben dem fachlichen Wissen ermöglichen die Projekte auch persönliches Wachstum“, erzählt Pascal Schmidt, der gerade seine Bachelor-Thesis bei der Audi AG schreibt: „Es lohnt sich, die eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen, um sich gut ins Team einzubringen.“ Die Projektleitung, die für viele nach dem Abschluss folgt, übte der 24-Jährige schon im Studium: Er war Projektleiter im Sommersemester 2017. Für den Berufseinstieg, der ihm bald bevorsteht, sieht er sich gut gewappnet: „Wir bringen viel praktische Projekterfahrung mit, was bei künftigen Arbeitgebern gut ankommt“, so Pascal Schmid. „Doch häufig kennen die Personaler International Project Engineering noch nicht.“ Das wird sich mit dem Flugzeugstart der Vans Aircraft RV-12 jetzt ändern. Wirtschaftsingenieurwesen gehört mittlerweile bundesweit zu den beliebtesten Studienfächern. Die Absolventen zählen zu den Topverdienern unter den Akademikern. Die Zahl der für das Fach eingeschriebenen Studenten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. innerhalb von zwei Jahren wuchs sie 2017 von rund 56 000 auf 65 000. Wirtschaftsingenieure sind Generalisten. Es erfordert Fähigkeiten in Technik, Wirtschaft und Kommunikation, sie brauchen den gewissen Blick für das Ganze, auch um Führungspositionen zu übernehmen. Das dürfen Sie in so einem Projekt von so großer „Tragweite“ lernen.