07.08.2020 | Kategorien TEC News

Reutlinger Energiezentrum nimmt Ladestation für Elektrofahrzeuge in Betrieb

Erster Ladevorgang auf dem Parkplatz der Hochschule mit Dr. Bernhard Nold (Projektleiter, links), Prof. Dr. Tobias Schütz (E-Mobilist), Herr Papadopolus (Schach Elektroanlagen) und Prof. Dr-Ing. Frank Truckenmüller (Leiter des Reutlinger Energiezentrums). Foto: Hochschule Reutlingen.

Hurra – die Sonne scheint, die beste Zeit für die neuen Ladepunkte an der Hochschule Reutlingen, die zum 30.07.2020 betriebsbereit gemacht wurden. Am 1. Juli 2019 startete das Projekt „Gemeinschaftsdienliche Energie-Lade Zellen“ (GELaZ), das vom Landesumwelt-ministerium im Rahmen der INPUT-Ausschreibung gefördert wird. Es umfasst neben dem Teilprojekt an der Hochschule Reutlingen auch den Aufbau gemeinschaftsdienlicher Ladeinfrastruktur durch das ISC Konstanz und die Stadtwerke Ludwigsburg an unterschiedlichen Standorten. Für Prof. Dr.-Ing. Frank Truckenmüller, Leiter des Reutlinger Energiezentrums (REZ) und Studiendekan Dezentrale Energiesysteme und Energieeffizienz, eine ganz klare Sache: „Exakt solche Netzwerk-Projekte verbinden Studium und Lehre. Aus diesem Projekt gewonnene Daten liefern wichtigen Input für den Master-Studiengang Dezentrale Energiesysteme- und Energieeffizienz. Und gerade die aktuellen Bewerberzahlen zeigen das große Interesse an den Themen unserer Zeit wie der Energiewende. Immer mehr junge Menschen wollen sich in punkto Nachhaltigkeit auch wissenschaftlich fundiert fortbilden und gleichzeitig den Zugang zur Wirtschaft haben, um so ihren Beitrag für die Zukunft zu leisten.“

Warum Ladestationen an der Hochschule? Ganz einfach, es geht um die Erforschung von dynamischem Lastmanagement für das 100% erneuerbare Energiesystem der Zukunft. Und das Reutlinger Energiezentrum gehört zu den führenden Forschungseinrichtungen in diesem Bereich: Seit 2018 betreibt es das Virtuelle Kraftwerk Neckar-Alb, in das die Ladestation integriert ist. Weiterhin hat das Vermögen- und Bauamt (VBA) Tübingen an der Hochschule auf den Gebäuden 3, 4, 5 und 16 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von über 400 kWp installiert. An sonnigen Wochenenden speist die Hochschule daher bereits Strom in das öffentliche Stromnetz ein, anstatt Strom zu beziehen. Dieser Überschussstrom wird in Zukunft bevorzugt zur klimaneutralen Ladung der Elektrofahrzeuge von Besuchern, Studierenden und Mitarbeitenden genutzt.

Die umfangreichen Erd- und Elektroarbeiten zur Versorgung der Ladestationen wurden vom VBA Tübingen koordiniert und von den Fachfirmen Adolf List Bauunternehmung und Schach Elektroanlagen trotz Einschränkungen durch die Corona-Krise fristgerecht abgeschlossen. Die

Bewirtschaftung der Ladeinfrastruktur erfolgt durch die Parkraumbewirtschaftungsgesellschaft Baden-Württemberg (PBW), zu deren Aufgabe es gehört, die Kosten für landeseigene Parkflächen gerechter zu verteilen. Die PBW nutzt für die eichrechtskonforme Abrechnung der Ladeenergien das Backend eCar OC der Firma Siemens. Insgesamt wurden vier blaue Ladesäulen mit jeweils zwei Normalladepunkten à 22kW der Firma Compleo angeschafft und direkt an der Einfahrt von der Alteburgstraße zur Hochschule installiert.

Die gemeinschaftsdienliche Überwachung und Steuerung der Ladesäulen befindet sich noch im Aufbau. Die dezentrale Messung von Stromverbräuchen und Stromerzeugung sowie die dynamische Steuerung der Ladeleistungen wird mit Controllern der Firma enisyst realisiert. Dieses dezentrale Energiemanagementsystem bietet browserbasierte Werkzeuge zur Darstellung, Analyse und Steuerung der Energieflüsse. Übergeordnet wird die Archivierung, Analyse und Vorgabe von Fahrplänen für die Ladesäulen durch das zentrale Leitsystem des Virtuellen Kraftwerks Neckar-Alb erfolgen. Das zentrale Leitsystem wurde von der Firma AVAT entwickelt und basiert auf dem Prozessvisualisierungssystem WinCC (Windows Control Center) der Firma Siemens. Es greift auf Strombörsenpreise zurück, erhält Preisprognosen der Firma Next Kraftwerke und optimiert die Gesamtkosten zur Erstellung von Fahrplänen. Die dazu notwendigen Prognosen werden teilweise von der Software selbst mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erstellt.

Die Firma OLI Systems aus Stuttgart entwickelt ein Backend mit App, um den Bedarf der Fahrzeugnutzer bei der Optimierung der Ladestrategie zu berücksichtigen. Der lokale Verteilnetzbetreiber FairNetz der Stadtwerke Reutlingen realisiert für die Ladepunkte in dem Projekt erstmals einen Unterzählpunkt mit bilanziell buchhalterischer Stromabrechnung innerhalb des Niederspannungsnetzes eines Stromkunden mit Mittelspannungsanschluss und registrierender Leistungsmessung (RLM). Mitarbeiter der FairNetz erhalten darüber hinaus die Möglichkeit, bei Engpässen im Stromnetz die Leistung der Ladesäulen mittels Fernwirktechnik von der Netzleitzentrale aus zu reduzieren.

Und zu guter Letzt erarbeitet und prüft das Reutlinger Energiezentrum das intelligente gemeinschaftsdienliche Last- und Lademanagement mit den beteiligten Firmen und koordiniert die Umsetzung und Abstimmung des Projekts. Das Projekt läuft noch bis 31. Dezember 2020 und so lange können Hochschulangehörige während des Testbetriebs sogar die Ladeinfrastruktur mit einer E-Ladekarte kostenfrei nutzen.

Über das REZ – Reutlinger Energiezentrum

Das Reutlinger Energiezentrum für Dezentrale Energiesysteme und Energieeffizienz (REZ) ist ein Lehr- und Forschungszentrum der Hochschule Reutlingen. Das REZ bildet Wirtschafts-ingenieure in den Vertiefungsrichtungen Energiewirtschaft und Energietechnik mit Masterabschluss aus und betreibt einschlägige anwendungsorientierte Forschung. Ziele sind die qualitativ hochwertige Lehre und Forschung. Das REZ arbeitet fakultätsübergreifend trans- und interdisziplinär und ist angesiedelt in der Fakultät Technik der Hochschule Reutlingen.